Zum Inhalt springen

Kriegsdenkmäler

Zu den Veröffentlichungen | Zu den Videos

Seit mehreren Jahren arbeite ich an einem ambitionierten Forschungsprojekt zur Geschichte der sowjetischen Kriegsdenkmäler. Der Schwerpunkt liegt einerseits auf den bislang nur sehr spärlich untersuchten 1940er bis 60er Jahren, andererseits auf der postsowjetischen Zeit. Dabei zeichne ich jedoch zum einen Kontinuitätslinien auf, die bis in die späte Zarenzeit zurückreichen, zum anderen werfe ich auch einen neuen Blick auf die angeblich uniforme Denkmalskultur der 1960er-80er Jahre.

Ziel meiner Arbeit ist, das Stereotyp eines staatlicherseits unterdrückten oder aber direkt aus Moskau kontrollierten Kriegsgedenkens zu revidieren und eine differenzierte Sichtweise auf die Logiken, Akteure, Intentionen und Bedingungen des Denkmalsbaus auszuarbeiten, die die Sowjetunion nicht mehr als totalitären Sonderfall, sondern als Teil eines globalen Kontinuums von Kriegsgedenkpraktiken begreift.

Statt mich, wie zuvor oft geschehen, in lokalen Fallstudien auf einzelne bekannte Anlagen zu konzentrieren, versuche ich, die unterschiedlichen Kontexte des Denkmalsbaus in verschiedenen Teilen der Sowjetunion und darüber hinaus zu untersuchen, zumal an der Planung und Errichtung von Denkmälern in verschiedenen Teilen des Landes und dessen Satellitenstaaten oft ein und dieselben Personen beteiligt waren. Anders als oft angenommen war der Bau von Kriegsdenkmälern bereits in der späten Stalinzeit nur selten ein durchreglementierter, zentral gesteuerter Prozess. Die Initiatoren reichten von ehemaligen sowjetischen Kriegsgefangenen, Holocaust-Überlebenden oder versehrten belarussischen Dorfbewohnern über Armeeeinheiten oder einzelne Armeeingenieure, Denkmalschützer und Bildhauer bis hin zu Exekutivkomitees und bestimmten besonders an der Thematik interessierten Mitgliedern des Zentralkomitees und Politbüros. Eine ähnliche Bandbreite findet sich beim Aussehen der Gedenkzeichen (von einzelnen, oft improvisierten und mit religiösen Symbolen versehenen Grabmalen über anonyme Massengräber und Soldatenfriedhöfe bis hin zu Panzerdenkmälern oder Gedenkkomplexen), den Handlungslogiken (zentral erlassene und bürokratisch überwachte Direktiven, direkte persönliche Kontrolle durch Führungsfiguren, Initiative „von unten“, Patronagenetzwerke) und den Beweggründen für den Bau (Logistik und Hygiene, trauerndes und triumphales Gedenken, geopolitische Zeichensetzung, Erziehung der Jugend und insbesondere neu rekrutierter Soldaten, Zurschaustellung neuer Bautechniken usw.).

Durch ausgedehnte Forschungsreisen habe ich mir zunächst ein Bild von einer großen Anzahl sowjetischer Denkmalsanlagen in städtischem und ländlichem Umfeld in einer Reihe von Ländern und Regionen machen können, wobei ich systematisch örtliche Publikationen zur Geschichte und Gegenwart der jeweiligen Denkmäler sammle . Archivrecherchen habe ich während eigener Forschungsaufenthalte sowie in einigen Fällen mit Hilfe von Korrespondenten vor Ort in Russland, Belarus, der Ukraine, Estland und Georgien sowie Polen, Deutschland und dem Vereinigten Königreich unternommen.

Ein Schwerpunkt meiner Forschung liegt auf der Materialität der Denkmäler und der politischen Ökonomie des Denkmalsbaus. Betrachtet die bisherige Forschung Kriegs- und andere Denkmäler fast ausschließlich als textgleich lesbare Symbole, deren Bedeutung sich über die Formensprache und die Inschriften erschließen lässt, so ist gerade für den sowjetischen Fall eine Beschäftigung mit deren Materialität unabdingbar. Zum einen hängt es – trivialerweise – von den verwendeten Materialien ab, ob und wie lange ein Denkmal überdauert. Viele frühe Denkmäler aus den 1940er und selbst aus den 1960er Jahren existieren nicht mehr, weil sie aus witterungsanfälligem Material wie Holz, Erde oder auch Gips bestanden – was bei heutigen Betrachtern den irrtümlichen Eindruck verstärkt, es habe in den ersten Jahren nach Kriegsende keinen Denkmalsbau gegeben. Wichtiger jedoch ist, dass unter den Bedingungen der sowjetischen Planwirtschaft der Zugang zu knappen Baumaterialien, aber auch Transportmitteln, entscheidend dafür war, ob ein Denkmal gebaut werden kann. Dies galt für alle Ebenen: von kleinen Denkmälern, die von Dorf- oder Kleinstadtbewohnern mithilfe z.B. einer Traktorladung Ziegelsteine oder Zement in Eigeninitiative errichtet wurden, bis hin zu Großprojekten wie den Ehrenmalen in Berlin oder Volgograd, bei denen jeweils die direkte Intervention politischer oder militärischer Führungspersönlichkeiten (z.B. Vasilij Sokolovskij, Ivan Čujkov und vor allem Kliment Vorošilov) den Erbauern Zugang zu Granit, Bronze oder Beton, aber auch Studios und Eisenbahnwaggons verschaffte.

Diese Aspekte habe ich bislang vor allem anhand von zwei Gruppen von Archivquellen erforscht.

Zum einen zeichne ich anhand der Fonds von Kliment Vorošilov im Moskauer RGASPI, demjenigen von Mitrofan Grekov im RGALI, zahlreichen Dokumenten zu einzelnen Denkmalsprojekten aus dem GARF sowie veröffentlichten Memoiren das Patronagenetzwerk um Kliment Vorošilov nach, das zwischen den 1920er und den 1960er Jahren die Kunstproduktion zu militärischen Themen in der Sowjetunion und seit 1945 auch in Ostmitteleuropa dominierte, wobei Vorošilovs direktes Eingreifen für die Gestaltung und die Ressourcenvergabe vielfach entscheidend war. In den ukrainischen Archiven habe ich hierzu vor allem Unterlagen gesichtet, die über den Einfluss dieses Netzwerks beim Bau von Denkmälern in der Ukrainischen SSR Auskunft geben – sowie über Fälle, in denen sich Einzelne mit denkmalsbezogenen Bitten und Projekten direkt an Vorošilov wandten. Als regionale Fallstudie in Belarus habe ich in Gomeler Archiven Akten zum Denkmalsbau in städtischen wie ländlichen Teilen dieser Region im Südosten der Republik einsehen können.

Zum anderen habe ich als erster systematisch den Fonds der Leningrader Gießerei Monumentskul’ptura erschlossen – der einzigen Monumentalgießerei in der Sowjetunion. Diese war seit ihrer Gründung im Jahr 1937 für die meisten größeren Denkmalsaufträge – etwa die berühmten Bronzesoldaten in Treptow und Tallinn – zuständig. Die Unterlagen der Gießerei geben Aufschluss über die materiellen und logistischen Entstehungsbedingungen größerer und kleinerer Denkmale. So bestellte die Karelische Front im Jahr 1945 eine massive Bronzeplatte für einen von ihr selbst gebauten Gedenkkomplex im Norden der Leningrader Region – die Gießerei nahm den Antrag unter der Bedingung an, dass die Auftraggeber die Bronze, die Transportmittel und Soldaten als Arbeitskräfte zur Verfügung stellen würden. Zudem wurde von Monumentskul’ptura erwartet, neben der Planerfüllung zusätzliche Aufträge zur Deckung der Betriebskosten einzuwerben, was erklärt, warum die Gießerei gerne kleinere Aufträge von Betrieben und anderen Organisationen im ganzen Land annahm. Als weitere Fallbeispiele für meine Forschung zu Materialität und Politökonomie des Denkmalsbaus dienen mir die Lemberger Skulptur- und Keramikfabrik (das größte der neuen Izokombinaty, die nach dem Krieg in den von der Sowjetunion neu besetzten Westgebieten auf Basis bestehender Studios neu gegründet wurden) und die Berliner Bildgießerei Noack, die im Auftrag der sowjetischen Militäradministrationen Denkmalsfiguren nicht nur für den Osten Deutschlands, sondern auch für Polen anfertigte.

Was die postsozialistische Zeit angeht, habe ich zum einen ausführlich die Entstehung von Russlands neuem Nationalfriedhof – dem Föderalen Militärischen Gedenkfriedhof bei Moskau – untersucht. Nicht zuletzt interessiert mich dabei die globale Verflechtung: zum einen der globalisierte Produktionsprozess, in dessen Zuge patriotische Denkmäler für Russlands Nationalfriedhof in China hergestellt werden, zum anderen der Export der Formensprache und Produktionsweise des sozialistischen Realismus über Nordkorea in afrikanische und asiatische Länder wie Namibia, Simbabwe oder Laos, deren Nationalmonumente in den letzten Jahren vom Pjöngjanger Kunststudio Mansudae errichtet wurden, dessen Gründer in den 1950er Jahren in Moskau studiert hatte.

Zum anderen habe ich mich mit dem Schicksal sowjetischer Kriegsdenkmäler seit 1989/91 in aller Welt beschäftigt und dabei die gesamte Bandbreite von Umgangsformen—von Abriss und Umsetzung über Umwidmung und Neubau bis hin zu künstlerischer Neuinterpretation – erforscht.

Auf dieser Seite sind meine bisherigen Publikationen zu diesem Themenkomplex verzeichnet. Derzeit sind längere Aufsätze zur Materialität des sowjetischen Denkmalsbaus, zum Patronagenetzwerk um Kliment Vorošilov sowie zu Stalindenkmälern in der Sowjetunion und der postsowjetischen Zeit in Arbeit, daneben eine groß angelegte quantitative Studie zur Repräsentation von Kriegsdenkmälern in sowjetischen und postsowjetischen Geschichtsbüchern aller ehemaligen Teilrepubliken der UdSSR. Auch in meinen Veröffentlichungen zur Geschichte und Gegenwart des Kriegsgedenkens komme ich auch immer wieder auf Denkmäler und ihre Nutzung zu sprechen.

„Der Umgang mit sowjetischen Kriegsdenkmälern seit dem Ende des Kommunismus“, Europäisches Geschichtsforum, 18.5.2021.